Biotech-Geige mit perfektem Klang

Diese fünf Geigen waren im Test dabei. Rein äusserlich ist kein grosser Unterschied sichtbar. (Bild: Egmont Seiler)
Ein Forscher an der EMPA optimiert Holz für den Instrumentenbau durch Behandlung mit Pilzen. Im Blindtest gewann seine Biotech-Geige sogar gegen eine zwei Millionen Franken teure Stradivari-Geige.
Was hat eine Stradivari-Geige mit der Forschung an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) zu tun? Auf den ersten Blick wenig, doch schaut man sich die Forschung von Francis Schwarze und seiner Gruppe «Holzschutz / Biotechnologie» genauer an, so wird die Nähe zum Instrumentenbau bald klar.
Schwarze hat sich zum Ziel gesetzt, die Materialqualität von Klangholz, das zum Beispiel für den Geigenbau verwendet wird, zu verbessern. Die physikalischen Eigenschaften von Holz sind für den Klang eines Holzinstruments bestimmend. Hat ein Holz eine geringe Dichte, eine hohe Schallgeschwindigkeit und eine hohe Biegesteifigkeit, so verbessern sich auch dessen Resonanzeigenschaften.
Pilz «simuliert» Kleine Eiszeit
Schwarze war jahrelang auf der Suche nach einem Pilz, der die Dichte und damit auch das Gewicht von Hölzern reduziert, ohne dabei jedoch die feste Holzstruktur zu zerstören. Unter hunderten von Pilzarten stiess er auf solche, die die Holzzellen von innen her abbauen und damit die Dicke der Zellwände verringern. Bewachsen diese Pilze Holz, nimmt es ähnliche Eigenschaften an wie Holz von Bäumen, die während der «Kleinen Eiszeit» im 17. Jahrhundert herangewachsen sind.
Man geht nämlich davon aus, dass das Geheimnis des Geigenbauers Antonio Stradivari, für dessen Geigen heute Millionenbeträge bezahlt werden, unter anderem auf dem Klima und dessen Auswirkung auf die Bäume im 17. Jahrhundert beruht. Während der Kleinen Eiszeit herrschten aussergewöhnlich tiefe Temperaturen. Die Bäume in den Südalpen wuchsen damals nur langsam, dafür gleichmässig. Das Holz hatte deshalb dünne Jahresringe und eine relativ geringe Dichte; hervorragende Voraussetzungen für eine gute Klangqualität von Geigen.
«Opus 58» spielt Stradivari an die Wand
Die wissenschaftlichen Untersuchungen von Schwarze zeigten: Bestimmte holzzersetzende Pilzarten verbessern die Klangqualität deutlich. Er beauftragte deshalb den Geigenbauer Michael Rhonheimer aus Baden zwei Geigen mit pilzbehandeltem Holz zu bauen. Damit wollten die Beiden in einem Blindtest herausfinden, wie nahe der Klang der neuartigen Biotech-Geige an denjenigen einer Stradivari herankommt.
Im Klangtest spielte der britische Starviolinist Matthew Trusler fünf verschiedene Geigen hinter einem Vorhang. (Bild: Egmont Seiler)
Am ersten September 2009 machte der britische Starviolinist Matthew Trusler den Vergleich. Er spielte fünf verschiedene Geigen hinter einem Vorhang, so dass das Publikum die Instrumente nur hören, aber nicht sehen konnte. Darunter waren eine zwei Millionen Dollar teure Stradivari und zwei pilzbehandelte sowie zwei unbehandelte Modelle von Rohnheimer. Eine Fachjury und Laien beurteilten die Klangqualität, und der Mehrheit gefiel die pilzbehandelte Geige «Opus 58» am besten. Die echte Stradivari erreichte nur den zweiten Platz.
Für viele Musikexperten bestätigte sich damit die Annahme, dass in erster Linie die Holzqualität für den ausgewogenen Klang eines Instruments verantwortlich ist. Dank Geigen aus biotechnologisch behandeltem Holz können sich in Zukunft vielleicht auch junge Nachwuchstalente eine Geige mit der Klangqualität einer sündhaft teuren Stradivari leisten.
Quelle: Samuel Schlaefli, SATW
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